Sep 02 2010

ziemlich, gehörig, schicklich

Autor Gunhild Simon at 10:18 Kategorie Etymologie, Semantik

altehrwürdig

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Foto: berwis
© berwis / PIXELIO

Dem heutzutage alltäglichen Wort ziemlich liegt das Verb sich ziemen zugrunde.

Aus diesem Verb ist das Partizip I geziemend , ein hochsprachliches Adjektiv, abgeleitet, das mit der ursprünglichen Bedeutung von ziemlich übereinstimmt. Das Verb sich ziemen, das sichtbar mit Zimmer, auch mit zähmen zusammenhängt, gehört in die Wortfamilie bauen, fügen. Also bedeutet es sich fügen, passen. Der Aspekt gewaltsamen Zähmens kommt auch in Ochsenziemer [1] zum Ausdruck.

So erklärt sich die Bedeutung von ziemlich als angemessen, gebührend. Daraus entwickelte sich später die Bedeutung maßvoll, mäßig, ausreichend. Daneben wurde es schließlich gebräuchlich als ein Wort, das im Sinne von “beträchtlich, in nicht geringem Maße” gebraucht wird. An der Verneinung unziemlich, die nur im wörtlichen Sinn verwendet wird, wird die ursprüngliche Bedeutung von ziemlich nachträglich begreifbar.

Sich ziemen ist höfischer Sprachgebrauch und wird wie sich schicken kaum noch verstanden. Es bedeutet sich gehören, also könnte gehörig vielleicht dasselbe aussagen wie ziemlich. Jedoch haben beide Adjektive – ziemlich und gehörig – einen Bedeutungswandel erfahren. Während gehörig eher eine verstärkende Bedeutung hat, ein Synonym für heftig, ist es bei ziemlich eher umgekehrt. Ziemlich, das ursprünglich bedeutete, dass etwas den guten Sitten entsprach, ist in dieser Bedeutung verblasst und hat sich mittlerweile allgemein etabliert. Heute kann ziemlich wie eigentlich etwas Abschwächendes ausdrücken, eine Art sprachliches Understatement.

“Eine gehörige Tracht Prügel” bedeutet “eine heftige Züchtigung”.
“Ich habe ziemlichen Hunger, ich bin ziemlich hungrig” kann bedeuten: Ich habe großen Hunger. Oder: Ich habe mäßigen Hunger.

Ungehörig, die Verneinung von gehörig, hat seine figürliche Bedeutung bewahrt. Es heißt ungezogen, unangemessen, unhöflich.

Das hochsprachliche Adjektiv schicklich ist aus der reflexiven Form von schicken, also sich schicken hervorgegangen. Es kann zweierlei Bedeutung annehmen: sich fügen, also “sich einfügen”, sich normgerecht verhalten. Daneben steht sich schicken, als unpersönliches Verb: Es schickt sich /schickt sich nicht. Dies bedeutet: Das ist passend /unpassend, ungehörig. Schickenhieß ursprünglich ordnen, ins Werk setzen, schließlich abfertigen, entsenden. Es wird angenommen, dass schicken das Kausativum, Veranlassungsverb, zu geschehen ist. Einen Abglanz davon erkennt man noch in sich anschicken, sich bereitmachen. Sich schicken bedeutet passen, sich einfügen. Also heißt schicklich passend, unschicklich dagegen unpassend.

Ziemlich ist in den altäglichen Sprachgebrauch eingegangen. Es ist insbesondere im Zusammenhang mit Adjektiven als Adverbüblich. Dann hat es die Funktion einer Abtönungspartikel, die entweder eine Einschränkung oder eine Verstärkung ausdrückt. Es kann also “mäßig, hinreichend” als auch “in hohem Maße” aussagen. Abtönungspartikeln sind Adverbien, die Adjektive oder andere Adverbien in ihrer Aussage modifizieren. Typische Beispiele sind sehr, fast, völlig, besonders, ausgesprochen, ganz, ungefähr, überhaupt nicht. Auch ziemlich wird meist als Abtönungspartikel – ziemlich traurig, ziemlich erschöpft, ziemlich hungrig – gebraucht.

[1]
http://www.enzyklo.de/Begriff/Ochsenziemer


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