Nov 07 2010

Spindel und Wirtel

Autor Gunhild Simon Kategorie Etymologie, Kultur, Natur

Spindel

Spindel

Foto: Javier Carro
GNU Free Documentation License

Dornröschen war es durch den Fluch der 13. Fee bestimmt, sich an ihrem 15. Geburtstag an einer Spindel zu stechen.

Ihre königlichen Eltern ließen daher alle Spinnräder im ganzen Schloß entfernen. Nur eines hatten sie übersehen. Es stand in der Dachkammer des abgelegensten Turmes, und eine alte Frau saß daran und spann, als das Mädchen auf seinem Streifzug durch das Schloss auf sie stieß.

Da erfüllte sich der Fluch, mit dem es belegt war. Es stach sich bei der neugierigen Untersuchung des unbekannten Spinnrads und das ganze Schloss fiel mit ihm in einen hundertjährigen Schlaf.

In Wahrheit ist eine Spindel kein hochgefährliches Gerät. Sie ist die Garnspule, auf die sich beim Spinnen das Garn aufwickelt. Dazu wird das Rohmaterial, Tierwolle, Baumwoll-, Hanf- oder Flachsfasern, auf einen rotierenden Stab, den Rocken, gewickelt, von dem es sich beim Verspinnen nach und nach abziehen lässt, um unter Spannung durch die zwirbelnden Finger der Spinnerin zu gleiten.

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Okt 18 2010

Autorität und Authentizität

Autor Gunhild Simon Kategorie Allgemein

Heiner Geißler - 8. Oktober 1986

Heiner Geißler – 8. Oktober 1986

Foto: Lothar Schaack
Deutsches Bundesarchiv

“Wenn sich die politischen Institutionen in einer Art Organleihe Autorität borgen, dann müssen sie auch dafür sorgen, dass das Schlichtungsorgan Autorität hat.” [1]

Beim Widerstand gegen das Projekt Stuttgart 21 wurde der Ruf nach einer schlichtenden Autorität laut. Ein Verhandlungsführer mit Autorität war zu berufen. Diese Autorität galt es zu untermauern, um ihr erfolgreiches Agieren zu gestatten.

Der Schlichter hat sich seine Meriten im Widerstand gegen Meinungsanpassung als Parteidisziplin erworben. Gefürchtet bei seinen politischen Freunden, zugleich geachtet bei seinen politischen Gegnern genießt er das Ansehen eines noch immer scharfsinnigen und aus Unabhängigkeit furchtlosen Freigeists. Sein fortgeschrittenes Alter verbietet ihm, noch nach politischer Macht zu streben, es gebietet ihm aber, sein Ansehen als eigenständiger Denker zu nutzen, um noch einmal späten Ruhm zu ernten. Er hat als Verhandlungsführer die Gelassenheit, die der Ehemaligkeit entspringt. Er verkörpert die Autorität als Mittler zwischen den aus politischer Ungeschicklichheit erstarrten Fronten.

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Okt 02 2010

Stil, Stiel und Griffel

Autor Gunhild Simon Kategorie Kultur

Lilienblütenstempel

Lilienblütenstempel

Foto: Rainer Sturm
© RainerSturm / PIXELIO

Stil ist in vielen Lebensbereichen gültig.

Der Stil des Umgangs sagt etwas aus über Anstand, Benehmen, Etikette, Manieren und Gesittung. Als künstlerische Kategorie ist Stil die Art, Fasson und Formgebung. Im Sport bezieht er sich auf die Bewegungstechnik. In der Rhetorik und der Literatur beschreibt Stil die Sprachebene – Ausdrucksweise und Diktion. Als Charakterisierung des Lebensstils bezeichnet er Klasse und Lebensart.

Dazu gibt es das homophone Wort Stiel. Zur Unterscheidung spricht man das Fremdwort Stil distinkt aus: S-til.

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Okt 01 2010

Apokalypse

Autor Gunhild Simon Kategorie Allgemein

Der Krieg

Der Krieg

Bild: Arnold Böcklin
public domain

Apokalypse ist ein Fremdwort aus dem Altgriechischen und bedeutet ursprünglich Enthüllung. So heißt auch die Offenbarung des Johannes, das letzte Buch des Neuen Testaments. [1]

Da die Offenbarung des Johannes Verkündigungen über das Weltende enthält, im ganzen sehr kryptische und schwer zugängliche Texte, wurde Apokalypse zu einem Synonym für Weltuntergang, Zeitenwende und Gottesgericht. [2]

Auf dieses Verständnis spielt auch der Filmtitel “Apokalypse now”, 1979, von Francis Ford Coppola an. Er läßt einen schaudern beim Blick in die seelischen Abgründe, die sich im Krieg auftun. Er zeigt, wie der Krieg gesellschaftliche Normen und moralische Verankerungen löst und die Seele verheert.

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Sep 30 2010

Schwur – Eid und Meineid

Autor Gunhild Simon Kategorie Allgemein

Die drei Eidgenossen beim Schwur auf den Rütli

Die drei Eidgenossen
beim Schwur auf dem Rütli

Bild: Johann Heinrich Füssli
public domain

Ein Schwur wird geleistet. Ein Eid wird geschworen.

Das althochdeutsche Wort verbindet beide Begriffe zu eid-swuor, das mittelhochdeutsche lautet swuor. Dem voraus geht das starke Verb schwören mit seinen ungewohnten Ablautfolgen [1], mittelhochdeutsch swern, swer[i]gen, althochdeutsch swerian. Aus derselben Quelle speist sich das englische Verb to swear. Schwören ist ein Wort der Rechtssprache, Die Grundbedeutung ist sprechen, aussagen. Das erweist sich in dem englischen Verb to answer, worin das altenglische and-swaru enthalten ist. Dabei bedeutet and wie auch in Antwort und Antlitz erkennbar ist, soviel wie entgegen, gegenüber.

Es gibt weitere Verben, die sich ihrerseits aus schwören ableiten und denen die Bedeutung “sprechen” innewohnt. Sich verschwören, ursprünglich eine Verstärkung von schwören, hat sich unter dem Einfluss des lateinischen Verbs coniurare zu der Bedeutung sich absprechen, sich heimlich verbünden gewandelt. Man denke aber auch an den berühmten Ruetli-Schwur in Schillers “Wilhelm Tell” [2]. Hier zeigt sich, wie beschwören, inständig, feierlich bitten, den Kern der ursprünglichen Bedeutung, die ein ausdrückliches Sprechen ist, bewahrt hat.

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Sep 27 2010

all

Autor Gunhild Simon Kategorie Allgemein

Die Plejaden

Die Plejaden

Foto: Carsten Przygoda
© ixman2000 / PIXELIO

In vielerlei Gewändern tritt es auf: all, alle, alles, überall, das All.

Wir haben es mit ganz unterschiedlichen Wortarten zu tun. Sie gehen aber auf das Indefinitpronomen all zurück. Die verkürzte, unveränderliche Form von alles ist all. Auf diese Weise wird das Indefinitpronomen zu einem Adverb, einer Partikel, die zu einem Artikelwort gehört, das seinerseits gebeugt wird: all das/all dies/all diese, all dessen, all dem.

Setzt man anstelle von all das singularische Pronomen alles oder das pluralische alle ein, ergibt sich: alles das/alles dieses, alles dessen, allem dem/dem allem bzw. alle die, aller deren, allen denen.

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Sep 26 2010

Indefinita

Autor Gunhild Simon Kategorie Grammatik

etwas Undefinierbares

etwas Undefinierbares

Foto: stadelmann werner
© chnurrli46 / PIXELIO

Indefinita sind Indefinitpronomen und indefinite Artikelwörter. Der Terminus sagt aus, dass eine Sache oder Person nicht näher definiert wird. Daneben gibt es die Kategorie der unbestimmten Zahladjektive. Sie alle sagen etwas über Quantifizierung aus.

Im Unterschied zu unbestimmten Zahladjektiven sind Indefinita nicht mit einem Artikel oder Pronomen zu verbinden, weil sie diese selbst bereits inhaltlich und definitorisch enthalten.

Eine Einsetzprobe mit einem Artikelwort oder Pronomen kann Zweifelsfälle klären.

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Sep 25 2010

hier und dort

Autor Gunhild Simon Kategorie Semantik

hüben und drüben

hüben und drüben

Foto: Thomas Max Müller
© Multipla / PIXELIO

Hier und dort sind Adverbien, die etwas über den Ort aussagen. Als Satzteil geben sie also Auskunft über lokale Umstände des Satzgeschehens. In dieser Rolle ist das Adverb ein Adverbiale, eine Umstandsbestimmung des Ortes.

Hier bezieht sich auf den Standort, den der Sprecher innehat, während dort den im Verhältnis dazu entfernt gelegenen Ort meint. Zu beiden Adverbien, die von ihrem Charakter her unveränderlich sind, gibt es sinngemäße Entsprechungen, die die Merkmale lautlich widerspiegeln.

Aus hier ist das Adjektiv hiesig gebildet, aus dort dagegen dortig. Als Adjektive finden sie meistens attributive, nicht aber prädikative Verwendung: der hiesige Strand, die dortige Küste, nicht dagegen: *Der Strand ist hiesig/dortig.

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Sep 20 2010

Gerade oder Grade, Geleise oder Gleise?

Autor Gunhild Simon Kategorie Rechtschreibung

Winterbahn

Winterbahn

Foto: Erich Westendarp
© hpgruesen / PIXELIO

Sie werden mal so und mal so gesprochen. Man zweifelt, ob man es mit unterschiedlichen Dingen zu tun hat, oder ob man sie nach Geschmack sprechen – und sogar schreiben kann.

“Kannst du grad mal rüberkommen!” Das heißt gewählter ausgedrückt: “Kannst du gerade einmal herüberkommen!” In der Umgangssprache werden Wörter, damit sie famililärer klingen, verkürzt:

gerade – grad,
einmal – mal,
herüber – rüber.

Daraus wird deutlich, dass auch in dem Adjektiv grade, aufrecht, aufrichtig, soeben, nur eine verknappte Aussprache von gerade steckt. Ein Bild für diese Eigenschaften ist das Substantiv Gerade. Eine Gerade ist eine geometrische Bezeichnung für eine Linie ohne Krümmung, Anfangs-, End-, Berührungs- oder Schnittpunkte.

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Sep 19 2010

Mal oder mal?

Statue of Liberty

Statue of Liberty

Foto: Rolf Handke
© rohavideo / PIXELIO

Ein Mal ist ein Zeichen. Ein Merkmal, ein Muttermal, ein Gesichtsmal, ein Kainsmal, ein Mahnmal, ein Denkmal.

Jesus zeigte den Jüngern zum Beweis seiner Identität bei seinem leiblichen Erscheinen nach seiner Auferstehung seine Wundmale. Am Aschermittwoch zeichnet der katholische Priester den Gläubigen ein Aschekreuz auf die Stirn, das Stirnmal zur Erinnerung an die beginnende Fastenzeit. Die Rechtsgeschichte dokumentiert vielfältige Bräuche, Menschen, die eines Vergehens überführt waren, durch sichtbare Male – an Stirn, Wangen oder Ohren [1] – mahnend oder warnend zu kennzeichen, gesellschaftlich auszugrenzen.

Der Ausdruck gezeichnet sein wird zwar häufig übertragen gebraucht, vom Tode, einer Krankheit oder vom Kummer gezeichnet, sein ursprünglich figürlicher Hintergrund dürfte jedoch daher rühren.

Das Mal ist also ein dingliches, ein sichtbares Erkennungszeichen, vergleichbar einer Standarte, dem weithin erkennbaren Erkennungsfähnlein für den “Standort”.

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