Sep 02 2010

ziemlich, gehörig, schicklich

Autor Gunhild Simon Kategorie Etymologie, Semantik

altehrwürdig

altehrwürdig

Foto: berwis
© berwis / PIXELIO

Dem heutzutage alltäglichen Wort ziemlich liegt das Verb sich ziemen zugrunde.

Aus diesem Verb ist das Partizip I geziemend , ein hochsprachliches Adjektiv, abgeleitet, das mit der ursprünglichen Bedeutung von ziemlich übereinstimmt. Das Verb sich ziemen, das sichtbar mit Zimmer, auch mit zähmen zusammenhängt, gehört in die Wortfamilie bauen, fügen. Also bedeutet es sich fügen, passen.

So erklärt sich die Bedeutung von ziemlich als angemessen, gebührend. Daraus entwickelte sich später die Bedeutung maßvoll, mäßig, ausreichend. Daneben wurde es schließlich gebräuchlich als ein Wort, das im Sinne von “beträchtlich, in nicht geringem Maße” gebraucht wird. An der Verneinung unziemlich, die nur im wörtlichen Sinn verwendet wird, wird die ursprüngliche Bedeutung von ziemlich nachträglich begreifbar.

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Sep 01 2010

hauen

Heu

Heu

Foto: Erich Westendarp
© hpgruesen / PIXELIO

Im Neuen Testament wird über Jesu Gefangennahme berichtet. Als die Häscher ihn stellen, erhebt Simon Petrus das Schwert und schlägt einem der Knechte des Hohepriesters, Malchus, das rechte Ohr ab.

“Und einer aus ihnen schlug den Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das rechte Ohr ab.” [1]

In neueren Fassungen steht schlug statt hieb. Möglicherweise wird hieb nicht mehr allgemein verstanden, denn es gehört in die gehobene Sprache, in die der biblischen Geschichten und Märchen. Dazu gesellt sich das altertümliche Substantiv Hieb, Hiebe für Schlag, Prügel. In heutiger Sprache ist das Wort in der Wendung auf Anhieb geläufig.

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Aug 31 2010

Bau und Bauten

Autor Gunhild Simon Kategorie Etymologie, Semantik

Notre-Dame in Rouen

Kathedrale Notre-Dame in Rouen

Foto: Peter Heinrich
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Das Substantiv Bau, abgeleitet von dem Verb bauen, hat eine breite Skala figürlicher und übertragener Bedeutungen. Daraus ergeben sich ungewöhnliche Pluralbildungen.

Das Bauen von Schutzbehausungen ist ein vitales Bedürfnis in der Tierwelt. Brutpflegende, insbesondere einzeln lebende Tiere von der Wespe über den Stichling, die Amsel bis zur Katze sind auf Höhlen-, Nest- und Hausbau angewiesen. Ein von Menschen errichteter Bau ist ein Bauwerk.

Wenn es um Bauwesen und Architektur geht, spricht man im Plural von Bauten: Kirchenbauten, Stadtbauten, Hochhausbauten, Brückenbauten. Entsprechend werden die Plurale Um-, An- und Aufbauten gebildet, wenn man nicht auf andere Bezeichnungen wie Umbauarbeiten ausweicht.

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Aug 30 2010

Pluraletantum

Wandersleute

Wandersleute

Foto: Karl-Heinz Laube
© KHLaube / PIXELIO

Ein Wort, das nur in der Mehrzahl, im Plural, vorkommt, heißt in der Grammatik Pluraletantum. Davon hörte man schon im Lateinunterricht.

Typische Anfangsvertreter sind divitiae, divitiarum, f. der Reichtum, oder castra, castrorum, n. das Lager. Im Deutschen sind Beispiele die Eltern, Ferien, Leute. Der Gegenbegriff lautet Singularetantum; es bedeutet alleiniges Vorkommen im Singular , z. B. das All, der Schmuck.

Beiden, dem Pluraletantum als auch dem Singularetantum, sind eine Besonderheit gemeinsam. Ihre Pluralbildung erfolgt nach einer lateinischen Regel, die erst durchschaubar wird, wenn man sich die Bedeutung der Wortteile vor Augen führt.

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Aug 28 2010

Dieses und jenes – dies oder dieses?

Autor Gunhild Simon Kategorie Grammatik

Goethes Arbeitzplatz

Goethes Arbeitzplatz

Foto: hans
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In der politischen Rede sind dies oder dieses mit geradezu inflationärer Häufigkeit zu vernehmen. Dabei stellen sich drei Fragen.

Wie verhalten sich das und dies zueinander?

Wie verhalten sich ihrerseits dies und dieses zueinander?

Wie verhalten sich dieses und jenes zueinander?

Es geht hier um das Demonstrativpronomen. Darunter versteht man ein hinweisendes Fürwort. Diese beiden Bedeutungen erkennt man in dem lateinischen Terminus.

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Aug 27 2010

Morituri te salutant – das vermisste Partizip Futur

Autor Gunhild Simon Kategorie Grammatik

Römischer Gladiator

Römischer Gladiator

Foto: Templermeister
© Templermeister / PIXELIO

In den Medien wurde kürzlich von der Ermordung einer großen Zahl junger Südamerikaner durch die mexikanische Drogenmafia berichtet. Trotz ihrer Illegalität hatten sie sich geweigert, in den Dienst eines der verfeindeten Drogenkartelle zu treten und diese Entscheidung mit dem Leben bezahlt.

Unabhängig von der menschlichen Tragödie und dem politischen Skandal ist hier ein sprachliches Problem zu erörtern.

Sie waren im Begriff, ihr Land als Auswanderer zu verlassen und in den USA als illegale Einwanderer ihr Glück zu suchen. Man kann sie Arbeitsflüchtlinge oder Arbeitsmigranten nennen. Darin kommt aber nicht das Zukünftige, aber Unvollendete, ihres Plans zum Ausdruck. Im Deutschen ist man also auf eine Umschreibung angewiesen, die diesen zukünftigen Status wiedergibt.

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Aug 26 2010

Muße und Muse

Autor Gunhild Simon Kategorie Etymologie, Kultur

Griechische Muse

Griechische Muse

Foto: Rolf Handke
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Sie scheinen in unserer Kultur nahe beieinanderzuliegen, die Muße und die Muse. Jedenfalls unterliegen sie gerade deshalb, und wegen ihrer ähnlichen Schreibung und Aussprache, einer Verwechslungsgefahr. Dennoch ist ihre Wortherkunft ganz unterschiedlich.

Muße, Untätigkeit, freie Zeit, Ruhe, mittelhochdeutsch muoze, ist eine Substantivbildung zu müssen. Muße bedeutet “Gelegenheit, Möglichkeit, etwas zu tun”. Dazu gesellen sich das Adjektiv müßig, untätig, übertragen auch überflüssig, und die Verbbildung sich bemüßigt sehen, veranlasst sein.

Zu Festen, zu Tanz und Gesang, zu Musik und zum Theaterspiel kommen die Menschen, um sich zu zerstreuen und zu erbauen. Dafür bedarf es der Muße. Die Arbeit, die Alltagssorgen lässt man hinter sich. In Zeiten der Muße ist man müßig. Im klassischen Griechenland dachte man anders als wir über die Muße. Für die Griechen war nicht die saure und bittere Arbeit, sondern die künstlerische und kulturelle Betätigung sinnstiftend. Das Sprichwort “Müßiggang ist aller Laster Anfang” war ihnen fremd.

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Aug 21 2010

Nachruf auf eine serbische Prinzessin

Autor Gunhild Simon Kategorie Allgemein

Milky, die Serbin

Milky, die Serbin

Sie hatte einen Migrationshintergrund. Nur durch Bestechung und Schiebung erlangte sie die Ausreisegenehmigung aus dem unsicheren Belgrad des Jahres 2002.

Belgrad – das war fast die Endstation, eine Hinterhofmülltonne. Da heraus wurde sie als verdrecktes, unterernährtes Bündel gefischt, um sich in ihrer neuen Heimat zu einem wunderschönen Schmetterling zu entfalten.

Sie hatte ein seidiges, weißes Fell und – sie war ja fast ein Albino – zwei verschiedenfarbige Augen: ein katzengrünes und ein lotusblaues. So tiefblau, so pigmentlos, dass die Iris im Licht rot glühte. Der Schmetterling war eine Katze. Eine selbstbewusste, freidenkerische, mutige. Bei aller ihr eigenen Zartgliedrigheit war sie durchsetzungsfähiger als der gravitätischste Kater. In aufrechter Haltung, mit gesträubten Haaren, ließ sie keinen Zweifel daran, dass sie die Kronprinzessin, die Herrin ihrer kleinen Welten wäre.

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Aug 16 2010

Das grammatische Geschlecht grammatischer Termini

Autor Gunhild Simon Kategorie Allgemein

Kühler

Kühler

Foto: Günter Havlena
© Havlena / PIXELIO

Die ZEIT schreibt in ihrem Dossier über Deutschkurse für Einwanderer wiederholt *”der Plusquamperfekt” entgegen dem korrekten Genus “das Plusquamperfekt”. Auch mit Präsens tun sich viele schwer. Gänzliche Verwirrung stiften Passiv und Aktiv, die im Gegensatz zu Konjunktiv, Indikativ und Imperativ Neutra sind. Wie kommt dieser Fehler zustande?

Das Plusquamperfekt ist die vorzeitige Vergangenheit. Zugrunde liegt hier “das Tempus”. Das Tempus, die grammatische Zeit, gibt daher auch das Genus, das grammatische Geschlecht grammatischer Termini zur Bestimmung der Zeit, vor. Genau genommen liegt dem Terminus lateinisch tempus plusquamperfectum, die “mehr als vollendete Zeit”, die vorzeitige Vergangenheit zugrunde.

Die Fachbegriffe, die wir als korrekte lateinische Termini im Lateinunterricht gebrauchen, sind eigentlich Abkürzungen, Attribute der Oberbegriffe: das tempus praesens, das tempus futurum, tempus perfectum, tempus praeteritum/tempus imperfectum.

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Aug 06 2010

Zinken und Zinnen

Autor Gunhild Simon Kategorie Allgemein

Die drei Zinnen

Die drei Zinnen

Foto: Erika K.
© ek1957 / PIXELIO

Zinken sind spitze, scharfgezackte Kanten. Es sind Zacken oder Spitzen auf einer Mauer oder einem Zaun. Das kommt genau besehen auch in ihren nächsten Wortverwandten, den Zinnen zum Ausdruck.

Zinnen sind nicht unbedingt die obersten Ziegel des Dachfirsts, sondern sie befinden sich vornehmlich als Abschluss auf Fassaden, Türmen oder Brüstungen, auf Palästen und Festungen altertümlicher Gemäuer. [1] Die höchsten Zinnen sind die zahnartig aufstrebenden, weithin dräuenden Mauerwerke. Sie waren für Deckung bestimmt, die Lücken dienten als Schießscharten.

Beide, die Zinke – oder der Zinken – und die Zinne haben einen gemeinsamen mittelhochdeutschen Kern, zint, das untergegangene Substantiv Zind, Zahn, Zacke. Eine Verknüpfung zeigt sich in der Wortherkunft des Metalls Zink, dessen Destillat sich zackenförmig an den Wänden des Schmelzofens absetzt.

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